Wanderbericht: Basel - Begenz in 5 Tagen

Auf dieser Seite finden Sie einen persönlichen Reisebericht von Sandro Willi, der vom Pfingsmontag, 24. Mai bis am Freitag, 28. Mai 2010 von Basel bis Bregenz gewandert ist.

 

Weitere Beiträge:

 

>>> Persönlicher Kurzbericht von Sandro Willi

 

>>> Interview vor dem Start der Wanderung

 

>>> Fotos vom ersten Tag und ein Tagebuch über die 5 Wandertage

   

    

Fotos und Kommentare von Sandro Willi

Tag 1: Start auf dem Münsterplatz um 08.30h; Ankunft in Laufenburg um 20.30h (12 Stunden, 50km, BS-BL-AG)

Rheinfelden - einfach eine schöne Stadt!

Diese Gebäude liegen an der Veloroute Nr. 2 (Rheinroute) und sind mir schon vor 2 Jahren bei der Tandem Tour aufgefallen. Wieso sind sie so hoch? Was ist der Zweck? Hängt man darin etwas auf? Störche brüten auf dem Dach.

Irgendwo nach Rheinfelden im Wald; der Blick auf den ruhigen Rhein. Wir sind bei zirka Kilometer 35.

Blick auf Bad Säckingen hinüber. Ein Openair Konzert klingt über den Fluss.

Kraftwerk bei Laufenburg. Die Kraft des Element Wassers.

Zielfoto in Laufenburg: in high spirit, müde aber immer noch recht fit. Tag 1 gut überstanden, Tagesziel relativ locker erreicht. Einziges Problem: Meine neuen Schuhe sind (obwohl ich sie eingelaufen habe) nicht so gut wie meine alten: Ich habe bereits zwei Blasen an der Fusssohle und das rechte Fussgelenk schmerzt ein wenig, da der rechte Schuhrand drückt. Ab Tag 2 laufe ich nur noch mit locker geschlossenem, rechten Schuh.

Der herrliche Blick vom Garni Hotelzimmer in Laufenburg auf den alten Turm der Burg entschädigt für die lange Wartezeit. Morgen beim Frühstück wird mir die Wirtin erzählen, dass der letzte Habsburger Schlossherr verarmte und die Bauern Stein für Stein abgetragen und für ihren Hausbau verwendet haben.

Tag 2: Start in Laufenburg um 07.30h; Ankunft in Eglisau um 18.45h (11 Stunden, 50km, AG-ZH)

Es kommt mir ein Schulausflug während der Primarklasse in das Atomkraftwerk in den Sinn. Wir sind auf den Kühlturm gestiegen (ich war beindruckt) und wir hatten eine unbewusste, kindliche Angst, dass wir verstrahlt werden.

Der Gottfried Keller Turm am 2. Tag um genau 16 Uhr. Kaiserstuhl ist die kleinste Schweizer Stadt und strahlt etwas besonderes aus - ehemalige Reichsstadt. Hier mache ich eine längere Pause (20 Minuten) und gönne mir eine Winnetou Glacé (bei langen Märschen habe ich „Gluscht“ auf Wasserglacé). Mit Winnetou Wasserglacé verbinde ich Kindheitserinnerungen.

Elektrizitätswerk Eglisau, kurz vor dem Tagesziel. Die Treppenstufen gehen in die Muskeln.

Eisenbahnbrücke bei Eglisau.

Blick auf das schmucke Eglisau (ZH); eine Rast hier lohnt sich immer.

Meine schon etwas schmerzenden Füsse nach Tag 2. Das Hotel-Zimmer ist im 4. Stock (ohne Lift); stütze mich beim runtergehen am Geländer ab. Das Hotel ist ein 500-jähriges Haus, der Hirschen, wo schon Göthe genächtigt hat. Esse Flaacher Spargeln und gönne mir ein Panaché (das einzige während der 5 Tage) und mache grosse Pläne für morgen: Steckborn soll mein ehrgeiziges Tagesziel sein (zu ehrgeizig, wie sich herausstellen wird).

Tag 3: Start in Eglisau um 07.30h; Ankunft in Steckborn um 22.00h (14.5 Stunden, 60km, ZH-SH-Deutschland-TG)

Oberhalb Eglisau der Galgenbuck; der Ort fasziniert mich. Wieviele Leute sie wohl an diesem Baum aufgehängt haben? Der Aufstieg von Eglisau bis hoch an den Buchberg ist der längste auf dieser Tour, aber gut machbar am frühen Morgen. Es regnet leicht, hört aber bald wieder auf.

Blick von der Kirche bei Rüdlingen hinunter ins Tal.

Blick vom alten Rhein Naturschutz Gebiet in der Gemeinde Buchberg hoch auf die Rüdlinger Kirche. Idyllisches Gebiet, sehe Schwan am brüten auf einem grossen Nest. Plane hierher zurückzukommen.

Ellikon am Rhein. Sehr schöner Weiler. Ich ziehe an der Glocke, da ich über den Rhein auf die Schweizer Seite zurück will. Nach 10 Minuten holt mich der Fährmann. Ich bin der einzige Passagier. Zum Glück frage ich ihn nach der besten Route bis nach Schaffhausen. Er empfiehlt mir, beim EW Neurheinau über die Brücke zu gehen und dann alles wieder auf der deutschen Rheinseite bis zum Rheinfall zu wandern und erst bei Flurlingen über die Brücke zurück auf die andere Seite zu wechseln. „Don’t pay the ferryman until he gets you to the other side“ (Chris de Burgh) kommt mir immer in den Sinn, wenn ich Flussfähren nehme.

Kloster Rheinau. Weiter vorn Dachsen, auch ein Ausflug wert.

Der gigantische, wilde Rheinfall. Esse einen Klöpfer mit Brot und ziehe weiter.

Den Munot kenne ich aus frühester Kindheit; er hat mich immer beindruckt und ich finde ihn noch immer ausserordentlich schön, wie er sich über die Rebberge ausbreitet. Im Hof hat es einen tiefen Ziehbrunnen (der hat mich als Kind fasziniert) und Gewölbegänge.

Blick auf Stein am Rhein. Eine weitere Fussrast. Die Versuchung war gross, hier zu stoppen für die Nacht. Sah den Wegweiser nach Steckborn: 2h 40. Wollte es noch packen. War im Nachhinein ein taktischer Fehler. Lektion daraus: Fehler macht man immer. Was wichtig ist, ist die Einstellung dazu. Let it go, accept it. Ein guter Freund, der aus einer Bauernfamilie vom Seeland kommt, hat mir einmal gesagt: „Was hinten ist, ist gemäht“. An dieser Einstellung bin ich am arbeiten.

Die Füsse schmerzen, werden röter und röter mit einigen neuen Blasen. Um 22.00h erreiche ich endlich Steckborn. Es ist schon dunkel. Ich wollte meine Stirnlampe anzünden, da ich für einige hundert Meter auf der Hauptstrasse gehen muss ohne Trottoir. Bringe die Lampe aber nicht an. Es vergehen wertvolle Minuten. Bekomme ein bisschen Stress, bin total erschöpft und möchte einfach nur im sicheren Hotel ankommen. Herr Müller von der Réception im Hotel Feldbach in Steckborn hat gesagt, dass er um 10 Uhr Feierabend habe, dass er aber noch ein bisschen auf mich wartet. Ich gebe es schliesslich auf und gehe im Dunkeln bis zum Hotel. Herr Müller überreicht mir ein Lunchpaket (mein Abendessen). Schleppe mich aufs Zimmer und werfe mich in den Kleidern aufs Bett. Bleibe liegen. Nehme dann ein warmes Bad. Finde 4 Stunden bis zwei Uhr früh keinen Schlaf. Die Füsse pochen ... merke, dass ich mich definitiv übernommen habe. Bin nicht sicher, wie es morgen weitergehen soll. Stelle den Wecker auf acht Uhr.

Tag 4: Start in Steckborn um 09.00h; Ankunft in Münsterlingen um 17.00h (8 Stunden, 20km, TG; Slow Motion Etappe; das grosse Leiden)

Hier habe ich früher einmal gebadet und bin von Steckborn nach Berlingen und zurück gejoggt. Heute kann ich nicht einmal richtig gehen. Mein linkes Knie zieht extrem (Muskeln, Bänder, Sehnen?) Ich weiss es nicht genau, wahrscheinlich einfach überbelastet. Der Rucksack wirkt schwerer und schwerer. Trage nur noch 1 Liter und nicht mehr 1.5 Liter Wasser mit.

Bodenseefische zum Mittagessen in der Krone in Gottlieben (schönes Napoleon Hotel). Spiele mit dem Gedanken hier schon Schluss für den Tag zu machen. Bleibe sehr lange zum Mittagessen; mein einziges, richtiges während den 5 Tagen. Schleppe mich trotzdem weiter.

Schleppe mich langsam vorwärts. Reibe viel Dul-X ein. Es hilft aber nichts. Blick auf das "Schwäbische Meer", den Bodensee, von Bottighofen aus. Finde kein Hotel. Es geht weiter.

Ich finde das Hotel Bahnhof in Münsterlingen. Ich kann nicht mehr, obwohl ich mir sehr bewusst bin, dass ich mir mit nur 20km die Chancen für morgen extrem verbaue. Doch die Vernunft siegt. Hoffe und bange, dass mein Knie am Morgen wieder fit ist.

Tag 5: Start in Münsterlingen um 06.30h; Ankunft in Bregenz kurz vor 19.00h (12.5 Stunden, 45km, TG-SG-Österreich; die „Königs- und Triumphetappe“)

6 Uhr Tagwache, prächtiger Sonnenaufgang. Die erste Stunde hält mein Knie ... ich schöpfe Hoffnung.

In Uttwil. Die Schmerzen sind wieder da. Glaube nicht mehr an Bregenz. Habe dem Projektteam von "Schritt auf Tritt" ein SMS geschickt, dass sie mir ein Alternativziel angeben sollen. Instinktiv gehe ich mit beiden Beinen bis an die Oberschenkel ins 15 Grad kalte Wasser. Das war die Wende. Das kühle Nass schenkt mir ein zweites Leben. Nach der Pause kann ich schneller und schneller gehen. Ohne Schmerzen!

Hier in Wiederhorn hat uns einmal ein Seehüsli gehört als Kinder. Wir waren oft am See. Ab hier bin ich beflügelt, das Glück packt mich. Esse Wienerli beim Camping Platz Wiedehorn, wo wir als Kinder oft waren (die Grossmutter hat uns einen Fünfliber gegeben, damit sie ihr Mittagsschläfchen machen kann). Nehme wieder ein ausgiebiges Fussbad im See. Denke noch nicht an Bregenz.

Um zwei Uhr bin ich schon in Rorschach. Nehme wieder ein Kneipp Bad. Höre jetzt viel Musik (U2 und Simple Plan) und bin völlig „high“. Fange mit dem Gedanken Bregenz an zu spielen.

Ankunft in Staad, ein Cupgegner vom FC Basel. Ziel 3 Altenrhein ist nicht mehr weit. Bin jetzt sicher, dass ich weitergehen will und kann.

Ein Zeppelin. Ich fühle mich genauso leicht...! Es fängt an zu regnen.

Über den Zoll in St. Margrethen. Es gibt keine Wanderwege mehr. Alles der Hauptstrasse 202 entlang bis nach Bregenz im strömenden Regen. Mein rechter Oberschenkel fängt jetzt neu zu schmerzen an. Ich mache ein paar Dehnungen. Sehne mich dem Ende entgegen.

Der Rhein wieder; habe ihn seit Stein am Rhein nicht mehr gesehen. Es ist viel passiert dazwischen. Symbolisch zeigt meine Kamera Batterie rot an. Ich hoffe, dass ich noch ein Bild vom Bregenzer Ortsschild machen kann... auch mein Handy hat fast keine Batterie mehr... schon lustig: meine Beine, meine Füsse sind verlässlicher als die Technik...

Die Erlösung kurz vor sieben, als ich das Ortsschild lesen und fotografieren darf. Ich habe ein wenig geweint. Es hat sich gelohnt.

 

 

 

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